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ERNST BUSCH – Der letzte Prolet

Text: Jochen Voit
Zeichnungen: Sophia Hirsch

 

Synopsis

Ost-Berlin, um 1970: Ronald, ein junger Maler, träumt davon, den berühmten Sänger und Schauspieler Ernst Busch in einem epochalen Ölgemälde zu verewigen. Doch Busch ist alt und misstrauisch und streitet sich viel, bevorzugt mit Abgesandten der Staatspartei. Er hält den Maler für einen SED-Strohmann und wimmelt ihn ab. Aber Ronald lässt nicht locker und entdeckt staunend, wie Busch lebt: Besessen von der Idee, sämtliche Lieder seines Lebens noch einmal in akustischer Perfektion einzusingen, hat sich der einst gefeierte Bühnenstar vom Theater zurückgezogen und verbringt seine Zeit im Schallplattenstudio – und zu Hause am höllisch laut eingestellten Tonbandgerät. Der Maler kriegt im Wohnzimmer des Sängers antifaschistische Songs der 1930er Jahre um die Ohren gehauen. Weil Ronald das gut aushält, fasst Busch allmählich Vertrauen und sitzt dem Maler Modell. Doch als das fertige Gemälde auf der VII. Kunstausstellung der DDR in Dresden gezeigt wird, kommt es zum Eklat.

Während der mehrjährigen Schaffenszeit, die Ronald für das Bild benötigt, taucht der Maler tief in Buschs Leben ein. Er liest sich durch Bücher, trifft Weggefährten von Busch und versucht, die vielen Erzählungen und Legenden über das „singende Herz der Arbeiterklasse“ (Hanns Eisler über Busch) aufzudröseln und nachzuzeichnen: den Aufstieg vom Kieler Werftarbeiter zum Filmstar und linksradikalen Vorsänger im Berlin der Weimarer Republik, seine Odyssee durch halb Europa mit lebensgefährlichen Aufenthalten in Moskau und Madrid, zermürbender Lager- und Gefängnishaft in Frankreich und Deutschland sowie seine Befreiung aus dem Zuchthaus durch Soldaten der Roten Armee. All das will Ronald zeigen und zugleich die Hilflosigkeit des einst widerständigen politischen Künstlers, der sich im Staatssozialismus überflüssig fühlt. So entwirft Ronald letztlich, wie er sagt, ein „rücksichtsloses Bild“.

Ernst Busch tobt, als er das Ergebnis der Bemühungens zu Gesicht bekommt. Er sieht sich nicht, wie gewohnt, als Sänger der Arbeiterklasse gewürdigt, sondern als abgekämpften Greis karikiert, als alkoholkrankes Wrack bloßgestellt. Empörte Fans beknien ihn, er dürfe sich, “als letzter aufrechter Prolet“, eine solch diffamierende Darstellung nicht bieten lassen. Unmittelbar nach der Ausstellung verschwindet das Gemälde. Ronald erfährt nie, wohin. Er befürchtet das Schlimmste. Busch verweigert dem Maler bis zuletzt den Handschlag und kehrt schließlich zurück in den Schoß der Partei. Als Verfolgungswahn und Demenz immer stärker Besitz von ihm ergreifen, landet er in der Psychatrie. Derweil entfalten einige seiner alten Lieder ein ungeahntes Eigenleben und inspirieren eine neue unabhängige Protestgeneration.

Termine und Veranstaltungen

Köln, Großer Sendesaal des WDR, 1. Mai 2021 / ACHT BRÜCKEN Musikfestival (COMIC-LESUNG MIT LIVEMUSIK von Gordon Kampe, gespielt von ascolta)

Europäische Diktatur- und Demokratiegeschichte des 20. Jahrhunderts sinnlich erfahrbar zu machen − so lautet das Ziel des biografischen Comicprojekts, das der Autor Jochen Voit zusammen mit dem Dramaturgen Jean-Baptiste Coursaud und der Zeichnerin Sophia Hirsch entwickelt. Im Mittelpunkt der Graphic Novel steht der Sänger, Schauspieler und Politaktivist Ernst Busch (1900-1980). Er ist im kollektiven Gedächtnis vor allem akustisch verankert. Busch war in der Weimarer Republik der Moritatensänger in der Verfilmung der Dreigroschenoper („Und der Haifisch, der hat Zähne…“), sang während der Nazizeit im Exil in London und Moskau („Wohin auch das Auge blicket…“), im Spanischen Bürgerkrieg bei den Internationalen Brigaden („Spaniens Himmel breitet seine Sterne…“) und nach 1945 in Ostberlin („Die Partei, die Partei, die hat immer Recht…“). Was Ernst Busch sang, sprach und spielte, oszillierte zwischen Kunst und Propaganda, zwischen Ideologie und Entertainment. Sein Ruhm als Künstler ist heute verblasst, doch einst war er eine Ikone der Linken, in einem Atemzug genannt mit Künstlern wie Yves Montand, Pablo Picasso und Bertolt Brecht.  

Szenario: Jochen Voit
Zeichnungen: Sophia Hirsch
Dramaturgie: Jean-Baptiste Coursaud
Projektleitung: Susanne Ogan  
Konzeption: erinnerungsort.de
Lektorat: Johann Ulrich
Verlag: avant

ERNST BUSCH – Der letzte Prolet ist Finalist beim Comicbuchpreis 2020 der Berthold Leibinger Stiftung. Die Preisverleihung findet am 4. Mai 2020 im Stuttgarter Literaturhaus statt.

Der Comic erscheint im Frühjahr 2021.

Eine Produktion von erinnerungsort.de, gefördert mit Mitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Eine musikalische Comic-Lesereise ist in Vorbereitung. 

Entwürfe für illustrierte Songs (Probeseiten)

Ballade vom Nigger Jim (Songtext)

Der heimliche Aufmarsch („Arbeiter, Bauern, nehmt die Gewehre“) (Songtext)