Frohe Erwartung im Schützengraben

Text: Kurt Tucholsky; Musik: Hanns Eisler

(1917)

Vater Wrangel, jener alte gute
General von Anno Dazumal,
zog beim Klange einer Aufstands-Tute
aus Berlin, weil man es so befahl.
Und sie drohten ihm sein Haus zu sengen,
seine Frau Gemahlin zu erhängen,
bis er dann zu großem Gram
der Rebellen wiederkam.
Heftig blasend ritt man durch die Linden,
voller Sehnsucht, seine Frau zu finden.
Weich und lind entfuhr’s dem alten Knaben:
„Ob sie ihr wohl uffjehangen haben?“

Nimmer will mich dieses Wort verlassen,
Heut noch lebt die alte Reaktion.
Heute noch ist sie so schwer zu fassen –
Adolf Glasbrenner versuchte es ja schon.
So viel Jahre steck ich schon im Kriege,
denke an die Panke meiner Wiege,
an mein Preußen, an Berlin
und die Junker von Malchin.
Nie vergeß ich in dem fremden Lande
Mutter Reaktion und ihre Schande.
Voller Hoffnung sinn ich oft im Graben:
„Ob sie ihr wohl uffjehangen haben?“

Da zu Haus, bei Vatern auf dem Boden,
liegt ein schwarz-rot-goldnes Fahnentuch,
mitten im Gerümpel der Kommoden,
in dem Schummer voller Staubgeruch …
Und beim Urlaub sagte mir der Alte,
oben hängt er durch die Bodenspalte
seine Fahne in den Wind,
wenn wir erst zu Hause sind.
Das war Fünfzehn. Und bei jedem frischen
Wechsel an den deutschen grünen Tischen
bitt ich um die schönste aller Gaben:
„Ob sie ihr wohl uffjehangen haben?“

 

Text: Kurt Tucholsky
Musik: Hans Eisler

Zitiert nach Ernst Busch: Kurt Tucholsky / Hanns Eisler – Siegfried Matthus. Rote Reihe 5 auf Aurora 5 80 043. Hrsg. 1972.