Moderne Legende

Text: Bertolt Brecht; Musik: Ernst Busch

Als der Abend übers Schlachtfeld wehte
waren die Feinde geschlagen.
Klingend die Telegraphendrähte
haben die Kunde hinausgetragen.

Da schwoll am einen Ende der Welt
ein Heulen, das am Himmelsgewölbe zerschellt‘
ein Schrei, der aus rasenden Mündern quoll
und wahnsinnstrunken zum Himmel schwoll.
Tausend Lippen wurden vom Fluchen blaß,
tausend Hände ballten sich wild im Haß.

Und am andern Ende der Welt
ein Jauchzen am Himmelsgewölbe zerschellt‘
ein Jubeln, ein Toben, ein Rasen der Lust,
ein freies Aufatmen und Recken der Brust.
Tausend Lippen wühlten im alten Gebet,
tausend Hände falteten fromm sich und stet.

In der Nacht noch spät
sangen die Telegraphendräht‘
von den Toten, die auf dem Schlachtfeld geblieben – –
siehe, da ward es still bei Freunden und Feinden.
– – – –
Nur die Mütter weinten
hüben – und drüben.

 

Text: Bertolt Brecht (1914)
Musik: Ernst Busch

Zitiert nach Ernst Busch: bertolt brecht - Legenden, Lieder Balladen 1914-1924. Aurora 5 80 025/26. Hrsg. 1967.