Ballade vom Baum und den Ästen, Die

Text: Bertolt Brecht; Musik: Hanns Eisler

DIE BALLADE VOM BAUM UND DEN ÄSTEN

Und sie kamen in ihren Hemden von braunem Schirting daher
Und Brot und Brotaufstrich war rar.
Und sie fraßen mit unverschämten Reden die Töpfe leer
In denen schon fast nichts mehr war.
Hier werden wir ’s recht toll treiben, sagten sie
Hier können wir wundervoll bleiben, sagten sie
Mindestens tausend Jahr.

Gut, das sagen die Äste
Aber der Baumstamm schweigt.
Mehr her, sagen die Gäste
Bis der Wirt die Rechnung zeigt.

Und sie suchten sich dicke Posten, neue Schreibtische wurden bestellt.
Und sie fühlten sich gänzlich zu Haus.
Sie fragten nicht nach den Kosten, sie sahen nicht auf das Geld:
Sie waren aus dem Gröbsten heraus.
Hier werden wir ’s recht toll treiben, sagten sie
Hier können wir wundervoll bleiben, sagten sie
Und sie zogen die Stiefel aus.

Gut, das sagen die Äste …

Und sie schießen ihre Pistolen in jeden besseren Kopf
Und sie kommen mindestens zu zweit.
Und dann gehen sie drei Mark abholen aus ihrem goldenen Topf.
Jetzt waren sie endlich soweit.
Der wird immer schön voll bleiben, sagten sie
Da können wir ’s lange toll treiben, sagten sie
Bis ans Ende der Zeit.

Gut, das sagen die Äste …

Und ihr Anstreicher strich die Sprünge im Haus mit brauner Tünche zu
Und sie schalteten alles gleich.
Und wenn es nach ihnen ginge, dann wären wir auf du und du:
Sie dachten, da springen wir gleich!
Wir müssen es nur toll treiben, sagten sie
Dann können wir wundervoll bleiben, sagten sie
Und uns bauen ein drittes Reich.

Gut, das sagen die Äste
Aber der Baumstamm schweigt.

Mehr her, sagen die Gäste

Bis der Wirt die Rechnung zeigt.

 

Text: Bertolt Brecht
Musik: Hanns Eisler

Zitiert nach Ernst Busch: bertolt brecht - Legenden, Lieder Balladen 1925-1934. Aurora 5 80 027/28. Erstmals erschienen 1967.