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Generationalität und Populärkultur

Überlegungen zu einer popkulturellen Generationengeschichte der deutschen Linken (von Jochen Voit)





Linker Marsch
(Erschienen in der Zeitschrift vorgänge)


                                                                                                „Lift up the receiver
                                                                                                I’ll make you a believer“
                                                                                                (Depeche Mode)


Damals, kurz vor dem Fall der Mauer, waren mir die Fronten relativ klar: Geschniegelte Jungs mit Benetton-Rucksack hörten weichgespülte Popmusik und sympathisierten mit der Jungen Union – auf fertig getrimmte Langhaarige standen auf Gitarrenlärm und trafen sich im linken Freizeitzentrum. Derart simple Zuordnungen, rechts ist irgendwie brav und links irgendwie aufsässig, schienen hilfreich zu sein und typisch für die Angehörigen der als „Generation Golf“ beschriebenen bundesdeutschen Jugend der 1980er Jahre. Dass sie längst nicht mehr funktionieren (falls sie es je taten), zeigt ein aktueller Blick in einige ländliche Regionen Deutschlands, wo rechts bis rechtsextrem geprägte Jugendkulturen das ehemals den Linken zuerkannte Aufsässigkeitsmonopol für sich beanspruchen. Politisch eindeutig interpretierbare Zeichen der Popkultur sind offenbar rar geworden. Bereits in den 1990er Jahren mussten linke Pop-Theoretiker erschüttert zur Kenntnis nehmen, dass Ausländerwohnheime von Malcolm-X-Baseballkappenträgern angezündet wurden. (1)  Gibt es heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, überhaupt noch linke Identität stiftende Phänomene popkultureller Art in Deutschland? Hat es sie überhaupt jemals gegeben? Und falls ja: Wie lassen sie sich beschreiben? Die folgenden Überlegungen werden diese Fragen nicht vollständig beantworten können. Sie sind aber als Anregung gedacht, Antworten zu finden, die weniger auf Klischees als auf kultur- und gesellschaftsgeschichtlichen Untersuchungen und Erkenntnissen basieren. Als Historiker und Angehöriger derjenigen Unterabteilung der Generation Golf, die aus 68er Elternhäusern stammt und vielleicht auch deswegen eher zu Gitarrenlärm und Freizeitzentrum tendierte, interessiert mich besonders die Rolle der populären Musik als potenzielle Kreateurin linker Wir-Gefühle.

Politische Linke und Populärkultur

Die Erkenntnis, dass populärkulturelle Erzeugnisse und Ereignisse, also etwa Romane, Filme, Mode, Popsongs, Comics und Computerspiele samt den dazugehörigen Helden, aber auch Massenveranstaltungen verschiedener Art, sinnstiftende Wirkungen für junge Auditorien entfalten können, ist nicht neu. So haben wir es uns längst angewöhnt, die Generation der 68er in engem Zusammenhang mit der florierenden Popkultur der 1960er und 70er Jahre zu sehen. Allerdings scheint mir ein brauchbarer kulturgeschichtlicher Ansatz zur Analyse prägender Phänomene der Populärkultur hinsichtlich politischer Generationen bislang zu fehlen. Ein solcher Ansatz müsste Rücksicht nehmen auf reale Rezeptionsverhältnisse, auf Aneignungspraktiken, Zuschreibungen und Konnotationen des Publikums, und dürfte sich nicht begnügen mit in erster Linie von den Produzenten der Populärkultur ausgehenden Beschreibungen. Paradebeispiel für den unreflektierten, weil an Wahrnehmungsmechanismen des Publikums wenig interessierten Umgang mit Populärkultur sind die derzeit beliebten Paperbacks zur Popmusik mit Titeln wie „Die besten Songs aller Zeiten und ihre Geschichte“ (z.B. Bruder 2004, Fischer 2005). Die mehr oder weniger unterhaltsamen Anekdoten, die dort erzählt werden, handeln meist von sogenannten Kultsongs; im Vordergrund steht die Produktion der Lieder, nicht die Rezeption, was die Frage, warum und unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen und für welche Personengruppen Lieder zu „Kultsongs“ werden, freilich offen lässt. (2)  Auch in aktuellen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zur Gesellschafts- und Kulturgeschichte findet sich erstaunlich wenig Fundiertes über die Aneignung popkultureller Phänomene durch spezifische Publika. Genau genommen ist selbst die in unserer Wahrnehmung popkulturell konnotierte Chiffre 1968, „dieses generationelle Gesamtkunstwerk“, bislang fast ausschließlich unter politik- und ideengeschichtlichen Aspekten untersucht worden; über „die Entstehung einer spezifisch jugendlich geprägten Popkultur, die materiellen Bestimmungsfaktoren und sozialen Reichweiten, ihren Charakter als Konsumfaktor und politisches Medium“ gibt es kaum Literatur (Detlef Siegfried 2002; Nachtrag: Diese Forschungslücke hat Siegfried mittlerweile selbst geschlossen, vgl. ders. 2006). Entsprechendes gilt erst recht für ältere gesellschaftlich relevante Personengruppen der deutschen Linken wie die Aufbau-Generation in der DDR oder die links bis linksradikal eingestellten Teile der Kriegsjugendgeneration in der Weimarer Republik.

Vieles spricht dafür, dass es fruchtbar sein könnte, die deutsche Linke des 20. Jahrhunderts in ihren verschiedenen Ausprägungen mit Hilfe eines an populärkulturellen Phänomenen orientierten Zugriffs zu untersuchen – zum Beispiel die Vermutung, dass die Linke, die ihrem Selbstverständnis nach stets in kämpferischer Auseinandersetzung mit restaurativen gesellschaftlichen Kräften stand, ganz besonders angewiesen war auf die Vermittlung linker Wir-Gefühle insbesondere auch durch die Populärkultur.

Drei Generationen der deutschen Linken im 20. Jahrhundert

Was fehlt, ist ein Ansatz, der Pop und Politik zusammenbringt. Genauer: Der die Fähigkeit der Populärkultur, emotionale Bindungen und politische Einstellungen bei vielen Menschen gleichzeitig zu festigen, ins Licht rückt. Meiner Ansicht nach müsste ein solcher Ansatz, damit er wissenschaftlich praktikabel ist, mit den zwei folgenden Instrumentarien operieren: erstens mit einer generationengeschichtlichen Perspektive unter Anwendung neuerer, auf den klassischen Arbeiten Karl Mannheims aufbauender, Erkenntnisse und zweitens mit empirischen Untersuchungen zur Wahrnehmung von Populärkultur unter Anwendung der Oral History-Technik. Ziel ist es, auf diese Weise zu einer Vergleichbarkeit und letztlich zu einer Gesamtschau unterschiedlicher Generationen der deutschen Linken und ihrer populärkulturellen Ausrüstung zu gelangen.

Innerhalb der Historikerzunft wird die zugegebenermaßen schillernde und inflationär gebrauchte Kategorie der Generation gelegentlich mit Misstrauen betrachtet (Daniel 2001: 339). Das tut ihrer Tragfähigkeit glücklicherweise keinen Abbruch, wie neuere generationengeschichtliche Studien zeigen (z.B. Reulecke 2003, Schüle/Ahbe/Gries 2005). Zwar taugt der Generationsbegriff nicht als universales Deutungskonzept, wohl aber als Analysewerkzeug, das zusammen mit konkreten empirischen Befunden einen Erkenntnisgewinn verspricht, den andere Perspektiven so nicht bieten können. Grundlegend ist der Gedanke, dass die generationelle Zugehörigkeit einen ebenso wichtigen kulturgeschichtlichen Faktor darstellt wie etwa die Zugehörigkeit zu sozialen Schichten und Milieus oder die ethnische und geschlechtliche Zuordnung. Dieser Gedanke ist untrennbar mit dem Soziologen Karl Mannheim verbunden, der bereits 1928 versucht hat, „das spezifische Miteinander der in der Generationseinheit verbundenen Individuen zu klären“ (Mannheim 1970: 524). (3)  Auch der Historiker Ulrich Herbert orientiert sich in seinem kürzlich erschienenen Aufsatz zur Generationenfolge in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts an den Überlegungen Mannheims. Die drei großen politischen Generationen des 20. Jahrhunderts nach Herbert sind „erstens die in dem Jahrzehnt nach der Jahrhundertwende Geborenen, zweitens die 20er Jahrgänge und drittens die 40er Jahrgänge – oder in der Sprache der Protagonisten: die Kriegsjugendgeneration, die skeptische Generation und die 68er Generation“ (Herbert 2003: 97). Diese Einteilung ist plausibel, wenngleich sie eine Jugendgeneration ausklammert, die für eine Gesamtschau der deutschen Linken unverzichtbar ist: die Aufbau-Generation der DDR, die wesentlich aus Geburtsjahrgängen der späten 20er und frühen 30er besteht (Ahbe/Gries 2006). Zwar wurde dieser Personengruppe das Links-Sein vielfach von oben verordnet; sie zu ignorieren hieße jedoch die alte Fußnotentheorie wiedereinzuführen, in der die DDR eher als Betriebsunfall denn als politisch ernst zu nehmendes System galt (Augstein 2005). Mir scheint es daher angebracht, das Herbertsche Modell für den hier zu skizzierenden Ansatz entsprechend zu modifizieren. Im Fokus stehen sollen sich als „links“ begreifende Jugendliche in drei deutschen Systemen: Kriegsjugend-, Aufbau- und 68er Generation.

Generationalität und Populärkultur

Wenn wir von einer politischen Generation reden, müssen wir uns darüber klar sein, dass es sich hierbei nur um einen bestimmten Teil einer denselben Jahrgängen angehörenden Großgruppe von Personen handelt. Karl Mannheim spricht von Generationseinheit. Voraussetzung dafür, dass sich eine solche Generationseinheit bildet, sind laut Mannheim zweierlei: verwandte Geburtsjahrgänge („Generationslagerung“) und ein gemeinsamer historisch-sozialer Lebensraum inklusive Teilhabe an parallel erlebten Schicksalen, gesellschaftlichen Veränderungen oder Krisen im Jugendalter („Generationszusammenhang“). Berücksichtigt ist bei Mannheim auch, dass sich im Rahmen desselben Generationszusammenhangs „mehrere, polar sich bekämpfende Generationseinheiten bilden“ können (Mannheim 1970: 547). Die Entstehung solcher Einheiten, die wir heute politische Generationen nennen, wird durch ein sich plötzlich beschleunigendes Tempo der gesellschaftlichen Dynamik begünstigt. Verbindend und sinnstiftend kann für die betreffende Personengruppe dabei vielerlei wirken: vom „geprägten Schlagwort bis zum ausgebauten System, von der scheinbar isolierten Geste bis zum gestalteten Kunstwerk“ (ebd. 545). All dies scheint mir nach wie vor relevant zu sein und auch zu gelten für die drei großen generationellen Einheiten der deutschen Linken. Es macht also durchaus Sinn, die Linke gewissermaßen herauszurechnen aus dem Herbertschen Modell und näher zu untersuchen. Gleichzeitig soll die bislang zwischen Ost und West getrennte Generationenforschung überwunden werden durch eine systemübergreifende Perspektive. So kann es gelingen, populärkulturelle Phänomene des 20. Jahrhunderts als politisch-emotionale Bedeutungsträger zu erforschen und durch Vergleiche des Rezeptionsverhaltens unterschiedlicher Generationen der deutschen Linken einen Beitrag zur Gesellschaftsgeschichte zu leisten.

Die Frage, wie sich die einzelnen Einheiten nun kommunikativ konstituierten und welchen Beitrag Erscheinungen der Populärkultur hierbei leisteten, muss freilich in historischen Einzeluntersuchungen geklärt werden. Wichtig scheint mir, dass insbesondere in der populären Musik, um die es mir hauptsächlich geht, vieles von dem vorhanden war und ist, was Mannheim als verbindend und formend hinsichtlich politischer Generationen betrachtet: „vom geprägten Schlagwort bis zum ausgebauten System, von der scheinbar isolierten Geste bis zum gestalteten Kunstwerk“ (ebd.).

Popsongs als Generationenmarker

Populäre Musik ist keine Domäne der Linken, das steht fest. Wenngleich in der Weimarer Republik so etwas wie eine eigenständige deutsche Populärkultur unter Mitwirkung namhafter linker Künstler im Entstehen war. Immerhin ist damals, zu Beginn der 1930er Jahre in Berlin, wohl der deutsche Popsong erfunden worden: Als der Operetten-Star Richard Tauber und der „Barrikaden-Tauber“ Ernst Busch die Metropole allabendlich mit Gesängen über Liebe und Klassenkampf beschallten, entstand Musik, für die sich Menschen dank massenmedialer Verbreitung massenhaft begeistern konnten. Tauber schmetterte Lehár, Busch brüllte Eisler. Ideologie und Entertainment lagen nah beieinander. Bleibt die Frage nach den Präferenzen des Publikums. Wofür haben sich die Linken mehrheitlich interessiert? Haben sie vielleicht nicht doch den echten Tauber dem Barrikaden-Tauber vorgezogen? Hörten Linke am liebsten linke Musik? Wenn wir davon ausgehen, dass musikalische Phänomene als emotionale Verstärker bei der Herausbildung politischer Generationen fungierten, müssen wir genauer zuhören: nicht nur den Liedern, sondern auch den Leuten, die diese Musik damals zu „ihrer Musik“ gemacht haben.

Stellen wir uns drei Musterköfferchen vor mit Schellackplatten für die einsame Insel. Oder, zeitgemäßer, drei iPod-Flachmänner mit Songs für die S-Bahn in der Ewigkeit. Oder, schlicht, drei Listen mit Lieblingsliedern. Stellen wir uns weiter vor, dass diese drei Listen von drei verschiedenen Generationen sich als „links“ begreifender Personen zusammengestellt worden sind. Die erste Liste sollen junge Erwachsene in Deutschland um 1930 geschrieben haben, die zweite stammt aus dem Jahr 1950 und die dritte aus der Zeit um 1970. Zusätzlich liegen uns Angaben vor, die diese Personen zu den einzelnen Songs und ihren Interpreten gemacht haben. Angaben, die Aufschluss geben über Zuschreibungen, Gefühle und Erlebnisse, die diese Personen mit den Liedern verbinden. Im besten Fall würden es diese Angaben erlauben, drei kulturgeschichtlich bedeutsame Generationenporträts zu zeichnen und darüber hinaus Vergleiche zwischen den verschiedenen Generationen anzustellen, also Gemeinsamkeiten und Unterschiede, Kontinuitäten und Brüche nachzuvollziehen.

Zentrales Element bei diesem Musterkoffer-Ansatz ist die Anwendung der Oral History-Technik. Abgearbeitet, das heißt: eigentlich erst erstellt werden soll gewissermaßen ein generationengeschichtlicher Kanon der Populärkultur. Und zwar erstens in einem Quantifizierungsverfahren, bei dem die Frage „Was war relevant?“ im Vordergrund steht und zweitens in einem Qualifizierungsverfahren, bei dem es auf die Frage „Warum war es relevant?“ ankommt. Einer Analyse der Zeitzeugen-Interviews (sinnvollerweise geführt mit sogenannten Multiplikatoren und Meinungsmachern) könnte dann in der Tat eine Generationen-Analyse und schließlich ein Generationen-Vergleich folgen.
Beschreibung und Herleitung generationeller Lebensstile – beides ließe sich mit Hilfe unseres Musterkoffers leisten. Nebenbei könnte er mit einigen Klischees über die popkulturelle Ausrüstung der deutschen Linken aufräumen. Ich vermute beispielsweise, dass im Koffer weit weniger Lieder mit explizit politischen Inhalten enthalten wären als allgemein angenommen. Linke Wir-Gefühle zu produzieren war eben nicht nur linken Symbolfiguren wie Ernst Busch, Pete Seeger oder Jimi Hendrix vorbehalten. Auch weit weniger nach Revolution und Weltverbesserung Klingendes war unter Umständen in der Lage, der kollektiven Selbstvergewisserung zu dienen und linke Ideologie sinnlich erfahrbar werden zu lassen.

Realisierbar ist ein solcher Versuchsaufbau wie gesagt nur durch das Zusammentragen von Spezialstudien, die konkrete populärkulturelle Phänomene unter generationengeschichtlichen Gesichtspunkten analysieren. Wünschenswert wären solche Arbeiten, weil sie helfen könnten, sowohl die jeweiligen Pop-Phänomene als auch das Links-Sein differenzierter zu sehen. Was ist eigentlich links? Vielleicht auch ein generationelles Lebensgefühl, das sich mitunter eher an populärkulturellen Vorlieben als an ideologischen Konzepten festmachen lässt. (4)

Linke Lieblingslieder?

Als deutsche Politiker in den frühen 1990er Jahren nach ihren Lieblingssongs gefragt wurden, nannten sie – wenig überraschend – zumeist Titel, die in ihrer persönlichen Erinnerung mit angenehmen Erlebnissen verknüpft waren. (5)  Die beiden gesellschaftsgeschichtlich interessantesten Antworten gaben der damalige Ministerpräsident von Niedersachsen, Gerhard Schröder und der ehemalige Staatsratsvorsitzende der DDR, Egon Krenz. Schröder favorisierte als einer der wenigen ein Lied mit unverhohlen politischer Botschaft: „In The Ghetto“ von Elvis Presley, mit der Begründung, „weil das der beste Song von Elvis ist“. Krenz hingegen nannte das Volkslied „Im schönsten Wiesengrunde“, das er nach Kriegsende erstmals gehört hatte: „Das war 1948 auf dem zerstörten Gendarmenmarkt in Berlin, und das Alexandrow-Ensemble der Sowjetarmee sang es in deutscher Sprache.“ Bemerkenswert sind die Antworten weniger wegen der scheinbar zum Ausdruck kommenden kulturellen Differenzen zwischen Ost- und West-Politikern (6), sondern erstens weil sie etwas über unterschiedliche generationelle Prägungen sich im weitesten Sinn dem linken Spektrum zugehörig fühlender Menschen verraten und zweitens wegen einer vermeintlichen Spitzfindigkeit: Hier wird angedeutet, dass Phänomene der Populärkultur, Lieder insbesondere, geeignet sein können, als politisch-emotionale Bedeutungsträger zu fungieren und zwar unabhängig davon, welche Bedeutungen ihnen ursprünglich von ihren Produzenten zugedacht wurden. So besitzt der Popsong mit sozialkritischem Inhalt, den Elvis 1969 erstmals sang, in Schröders Antwort kaum noch eine politische Dimension. Dagegen offenbart das liebliche Volkslied aus dem 19. Jahrhundert durch die von Krenz erzählte Anekdote eine ungeahnte gesellschaftliche Relevanz: In jener speziellen Rezeptionssituation stand das Lied nicht nur für Unterhaltung, es stand gleichzeitig für die guten Absichten der Besatzungsmacht und fungierte als wirksames Instrument der Propaganda. Wir können davon ausgehen, dass es den meisten der mehr als 35.000 Zuhörer dieses Konzerts als Symbol für Frieden und deutsch-russische Versöhnung in Erinnerung blieb.

Das Lieblingslieder-Beispiel sagt einiges über die prägende Kraft der Populärkultur hinsichtlich politischer Präferenzen. Welches gesellschaftsgeschichtliche Potenzial tatsächlich in dem Beispiel steckt, könnten allerdings erst rezeptionsorientierte Untersuchungen zu den genannten Liedern und ihren Interpreten zeigen. Anhand von Aussagen möglichst zahlreicher (und weniger prominenter) Zeitzeugen ließe sich etwa Genaueres über den Auftritt des Alexandrow-Ensembles 1948 herausfinden, unterschiedliches Quellenmaterial wäre zu berücksichtigen, und man müsste sich die Zahlen der in Ostdeutschland verkauften Schallplatten des Ensembles anschauen. Ergebnis einer solchen Studie könnte beispielsweise sein, und jetzt bewege ich mich im Bereich der Vermutungen, dass dieses Konzert, nennen wir es Gendarmenmarkt-Erlebnis, zu den die Aufbau-Generation der DDR konstituierenden Phänomenen zählte. Dies hielte ich für eine kulturgeschichtlich bedeutsame Erkenntnis.

“Roter Wedding“ revisited

Zurück zum Anfang. Eine der Ausgangsfragen war, ob es heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, überhaupt noch linke Identität stiftende Phänomene popkultureller Art in Deutschland gibt. Die Antwort lautet: ja, die gibt es. Allerdings hat, so der Pop-Theoretiker und bekennende Linke Diedrich Diederichsen, deren allgemeine „Lesbarkeit stark abgenommen, denn je differenzierter man agieren muss, um sich abzugrenzen, desto weniger Leute kennen das elaborierte Vokabular, zu dem man notgedrungen Zuflucht nimmt“ (Kalle 2005: 29). Soll heißen: Das (scheinbar alte) Spiel „Zeig-mir-deine-Plattensammlung- und-ich-sage-dir-wie-links-du-bist“ ist kompliziert geworden. Und tatsächlich stellt sich dieser Punkt als ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal heraus, wenn man heutige sich als links begreifende Jugendliche mit den Angehörigen der drei großen politischen Generationen des 20. Jahrhunderts vergleicht. Von einer Elaboriertheit des populärmusikalischen Vokabulars kann weder bei der Weimarer Kriegsjugend-, noch bei der DDR-Aufbau-Generation und selbst nicht bei den 68ern gesprochen werden. In der Vergangenheit diente den Linken immer auch weithin Bekanntes – Volkslieder, Arbeiterlieder und sogar Popsongs, die es in die Charts geschafft hatten – als Mittel der Identitätsstiftung. Vermutlich erst seit dem Ende des Zeitalters der Ideologien besteht die popkulturelle Ausrüstung der deutschen Linken wesentlich aus Nischenmusik, Nischenfilm und so weiter. Auch deshalb erscheint es reizvoll, eine Generationengeschichte der deutschen Linken anhand prägender popmusikalischer Phänomene zu schreiben: um zu belegen, dass die Annahme, linke Überzeugungen und popkultureller Mainstream seien schon immer unüberbrückbare Gegensätze gewesen, Humbug ist.

Letztlich geht es bei dem von mir beschriebenen Ansatz um ästhetische und emotionale Prioritäten politischer Generationen. Da keine andere Kommunikationsform besser geeignet ist, Emotionen zu wecken, als die populäre Musik, idealerweise in Gemeinschaft erlebt oder gesungen, steht sie im Mittelpunkt der Überlegungen. Gerade bei Jugendlichen ist die Wirkungsmächtigkeit populärmusikalischer Phänomene enorm – so können Lieder durchaus als politisch-emotionale Sozialisationsagenten fungieren und somit auch als Verstärker bei der Herausbildung generationeller Einstellungen und Lebensstile. Drei kommentierte Soundtracks der deutschen Linken zusammenzustellen, könnte uns also helfen, die drei dazugehörigen politischen Generationen besser zu verstehen. Härte und Sachlichkeit der Weimarer Linken, Pragmatismus und maßvolle Zuversicht der Aufbau-Generation in der DDR, Widerspenstigkeit und Nonkonformismus der 68er – in dieser Art werden wesentliche Kennzeichen und Unterschiede der drei Generationen bislang benannt. Mit Hilfe der Generationen-Soundtracks lässt sich überprüfen, wie sehr sich diese Zuschreibungen in den Geschichten zu den Songs widerspiegeln und welche politischen und emotionalen Eigenschaften und Verblendungen darüber hinaus für diese Generationen von Bedeutung waren. Auch welche Gemeinsamkeiten, Durchlässigkeiten und Konstanten es zwischen den generationellen Einheiten über Jahrzehnte und über politische Systeme hinweg gab, können wir auf diese Weise erfahren – Übernahmen von Musikmaterial aus der ersten Generation sprechen etwa für das Traditionsbewusstsein der deutschen Linken. So gibt es beispielsweise von Ernst Busch gesungene Lieder, die bei allen drei Generationen auf der Liste stehen. Metallische Härte kombiniert mit leicht angejazzter Marschmusik war nicht nur in den frühen 30er Jahren angesagt, linke Gassenhauer wie das „Solidaritätslied“ erfreuten sich auch in den frühen 70ern relativ großer Beliebtheit. Dass der Interpret zu dieser Zeit mit Aufsässigkeit längst nichts mehr im Sinn hatte, spielte für die westdeutschen Besitzer seiner Platten übrigens keine Rolle.





Anmerkungen

(1)  Als der amerikanische Rockkritiker und Pophistoriker Greil Marcus 1993 in einem Interview mit diesen Fakten konfrontiert wurde, reagierte er allerdings wenig überrascht und berichtete, dass in den USA bereits in den frühen 1970er Jahren weiße Rassisten sich den gesamten Lebensstil der Hippie-Kultur angeeignet hätten: „lange Haare, der gleiche Schmuck, dieselbe Art sich zu kleiden. Und dann die Bilder in der Zeitung: Zwei Männer werden verhaftet, weil sie einen Farbigen zu Tode geprügelt haben – und sie sehen aus wie Leute aus Haight Ashbury, deren Auffassung nun definitiv das Gegenteil bezeugen sollte.“ (Fricke 1996: 154,155).

(2)  Interessanter ist da schon der aktuell zu beobachtende Versuch von Magazin-Redakteuren der Süddeutschen Zeitung, eine Geschichte der Popmusik in 50 Jahresbänden vorzulegen, die zumindest partiell auf die erwähnten Punkte Rücksicht nimmt (Oehmke/Waechter 2005/2006).

(3)  Mannheim stellt sich in seinem berühmten Aufsatz der Aufgabe, das Phänomen des Generationszu-sammenhangs formalsoziologisch zu erkunden bzw. hierzu einen „Problementwurf herauszuarbeiten“. (Mannheim 1970: 523) Er unterscheidet hierbei zwei Ansätze, die er die positivistische und die romantisch-historische Fragestellung nennt. Letztere ist vor allem an Dilthey orientiert, auf den auch folgende Erkenntnis zurückgeht (hier in den Worten Mannheims): „Gleichzeitig aufwachsende Individuen erfahren in den Jahren der größten Aufnahmebereitschaft, aber auch später dieselben leitenden Einwirkungen sowohl von seiten der sie beeindruckenden intellektuellen Kultur als auch von seiten der gesellschaftlich-politischen Zustände.“ (Mannheim 1970: 516)

(4)  Zur Wechselwirkung zwischen Ideologie und Entertainment (bezogen auf die 68er) vgl. auch Andreas Christoph Schmidts bemerkenswertem Dokumentarfilm „Was war links?“. Schmidt stellt hier im Übrigen verschiedenen Zeitzeugen und Experten die leidige Frage „Was ist links?“, worauf er teils originelle, teils hilflose Antworten erhält: Alles, was dem Marx’schen Urkommunismus nachtrauert, was ihn – sei es auch auf höherer Stufe – wiederhergestellt sehen möchte, sagt etwa Ernst Nolte. Ein generationelles Lebensgefühl, das mit Aufbegehren gegen Autoritäten, mit Frech-Sein zu tun hat, sagt Klaus Theweleit. Nicht rechts zu sein, sagt Robert Gernhardt.

(5)  Die damalige Vorsitzende der bayerischen SPD, Renate Schmidt („Petite Fleur“ von Sidney Bechet) und der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber („I Want To Hold Your Hand“ von den Beatles) begründeten ihre Entscheidung mit der Erinnerung an romantische Gefühle und das Kennenlernen des jeweiligen Lebenspartners. Der Bundesminister für Arbeit und Soziales, Norbert Blüm nannte „Nehmt Abschied, Brüder, ungewiß ist alle Wiederkehr“, „weil dieses Lied alte Erinnerungen an junge Pfadfinderzeiten in mir weckt“. Einige der zwölf Befragten gaben auch Lied-immanente Gründe an, wie etwa der Umweltminister von Hessen, Joschka Fischer, der sich für „Highway to Hell“ von AC/DC ent-schied, „weil da die Post abgeht“ (O.V. 1994).

(6)  Wenn man einmal davon absieht, dass sie beide einen sentimentalen Zug haben, könnten die Lieder unterschiedlicher nicht sein – das betrifft vor allem das Image, das mit ihnen verbunden wird. Glamourös: „In the Ghetto“ (Mac Davis) war der erste Song, der im Zuge der 1969er „Memphis Sessions“ als Single erschien. Es wurde einer von zahllosen weltweiten Elvis-Hits. Bodenständig: „Im schönsten Wiesengrunde“ (Wilhelm Ganzhorn / Friedrich Silcher) entstand um 1850 und ist ein beliebtes Volkslied, das außerhalb des deutschen Sprachraums kaum bekannt ist.



Literatur

Ahbe, Thomas/Gries, Rainer 2006: Gesellschaftsgeschichte als Generationengeschichte. Theoretische und methodische Überlegungen, in: Schüle et al. 2006, S. 475-570

Augstein, Franziska 2005: Der neue Mythos des 20. Jahrhunderts. Die Bundesrepublik soll gut dastehen, die Erinnerung an die DDR wird abgewickelt: Über den konzertierten Versuch, die deutsche Geschichte umzuschreiben; in: Süddeutsche Zeitung Nr. 254 (4.11.), S. 17

Bruder, Frank (Hg.) 2004: Pop-Splits. Die besten Songs aller Zeiten und ihre Geschichte, Berlin

Daniel, Ute 2001: Kompendium Kulturgeschichte. Theorien, Praxis, Schlüsselwörter, Frankfurt/M.

Fischer, Günther/Prescher, Manfred (Hg.) 2005: Lexikon berühmter Popsongs. Von „All my love“ bis „Yesterday“, München

Fricke, Harald/Gross, Thomas 1996 (1993): Interview mit Greil Marcus. „Hey DJ, warum spielst Du nicht diese supergute Nigger-Soulmusik?“ – Die graue Eminenz der Rockkritik über Lippenstift-spuren, Punk, Mode und Macht; in: Kunstforum Bd. 134, S. 152-155

Herbert, Ulrich 2003: Drei politische Generationen im 20. Jahrhundert; in: Reulecke 2003, S. 95-114

Kalle, Matthias/Staun, Harald 2005: Interview mit Diedrich Diederichsen. „Ich nenne das immer CDU-Koksen“, in: zitty 26/2005, S. 28-30

Mannheim, Karl 1970 (1928): Zum Problem der Generationen, in: Ders.: Wissenssoziologie, Auswahl aus dem Werk, eingel u. hg. v. Kurt H. Wolff, 2. Aufl. Neuwied-Berlin, S. 509-565
Oehmke, Philipp/Waechter, Johannes (Hg.) 2005/2006: SZ-Diskothek. Ein Jahr und seine 20 Songs: 1955-2005 (50 Bde.), München

O.V. 1994: Prost Deutschland. Politiker und ihre Lieblingssongs, in: Spiegel Spezial 02/1994: Pop & Politik, S. 49

Reulecke, Jürgen (Hg.) 2003: Generationalität und Lebensgeschichte im 20. Jahrhundert, (Schriften des Historischen Kollegs, Kolloquien 58); München

Schüle, Annegret/Ahbe, Thomas/Gries, Rainer (Hg.) 2006: Die DDR aus generationengeschichtlicher Perspektive. Eine Inventur. Leipzig

Schmidt, Andreas Christoph (Erstausstrahlung 2003): Was war links? Dokumentarfilm in vier Folgen, Produktion: Schmidt & Paetzel Fernsehfilme GmbH, im Auftrag von SWR und SFB

Siegfried, Detlef 2002: Sammelrezension: Forschungsbericht 1968, in: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=2327


Nachtrag:

Siegfried, Detlef 2006: Time Is on My Side. Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre, (Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte 41 hg. v. d. Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg); Göttingen







Letztes Update 27.05.2010 | Copyright© Jochen Voit 2005 | Seite drucken | Seite einem Freund senden

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