Public History

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Forschungs- und Bildungsprojekte

Das Graphic Novel-Projekt NIEDER MIT HITLER

 

NIEDER MIT HITLER ab Herbst 2018 im avant verlag       

im avant verlag

Das Graphic Novel-Projekt NIEDER MIT HITLER kreist um die kleine Weiße Rose von Thüringen: Im Mittelpunkt steht Karl, anfangs ein ganz normaler sport- und HJ-begeisterter Junge. Doch dann passiert etwas, das ihn umdenken lässt. Die Geschichte handelt vom mutigen Einsatz des Schülers und seiner Freunde gegen den Nationalsozialismus, von der anschließenden Gefängnishaft und dem Leben danach in der DDR. Der rote Faden besteht in der doppelten Diktaturerfahrung des Protagonisten und verleiht der Graphic Novel einen besonderen erzählerischen Reiz. Gezeichnet wird sie von dem Berliner Comic-Künstler Hamed Eshrat.

Wer ist Karl?

Erfurt 2018. In der Stadt lebt ein alter Mann, der in zwei Diktaturen den aufrechten Gang geübt hat. Er spricht nicht gerne darüber, dafür ist er zu bescheiden. Immerhin: Einige in der Stadt wissen, dass er sich zu DDR-Zeiten als Pfarrer gegen die SED gestellt hat. Die Stasi hatte ihn im Visier, er war in der unabhängigen Friedensbewegung aktiv, an seiner Jacke trug er den Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ und wurde dafür von der Polizei gemaßregelt. Und im Herbst 1989 ging er für die Friedliche Revolution auf die Straße. Gefängnishaft blieb ihm in der DDR erspart. Doch was bis vor kurzem kaum jemand wusste: Der Mann hatte bereits vor 1945 viel riskiert: Gemeinsam mit vier Freunden stellte er Flugblätter gegen den Nationalsozialismus her und kam dafür ins Zuchthaus. Mit Glück entging er der Todesstrafe. Diese erste extreme Diktaturerfahrung kapselte er jahrzehntelang in sich ab. Der Mann ist kürzlich 90 Jahre alt geworden und heißt Karl Metzner. Die Graphic Novel NIEDER MIT HITLER! erzählt nun erstmals seine Geschichte.

Wieviel Recherche ging dem Comic voraus?

Der Graphic Novel vorausgegangen ist ein dreijähriges Forschungs- und Bildungsprojekt zum Erfurter Jugendwiderstand im Nationalsozialismus. Im Zentrum stand die bislang unbekannte Gruppe um Jochen Bock, der neben Karl Metzner auch Gerd Bergmann, Helmut Emmerich und Joachim Nerke angehörten. „Nieder mit Hitler!“ schrieben die Schüler 1943 an Schutzhütten im Stadtwald. Ein Ende des Krieges forderten Sie auf Flugblättern. Die Widerstandsgruppe wurde von Mitschülern verraten und von der Gestapo verhaftet. Die Widerständler waren 15 und 16 Jahre alt, als man sie im Gefängnis in der Andreasstraße inhaftierte. Es drohten ihnen ein Prozess wegen „Hochverrats“ und schwere Strafen…

Über 70 Jahre später erforschten Studierende der Universität Erfurt erstmals die Hintergründe der mutigen Widerstandsaktion. Neben der Stiftung Ettersberg / Gedenkstätte Andreasstraße (Dr. Jochen Voit) waren an dem Kooperationsprojekt auch der Erinnerungsort Topf & Söhne (PD Dr. Annegret Schüle), die Universität Erfurt (Prof. Dr. Christiane Kuller) sowie die Friedrich-Ebert-Stiftung beteiligt. Es entstanden eine wissenschaftliche Publikation, ein Dokumentarfilm, eine Website zum Projekt (www.nieder-mit-hitler.de) sowie pädagogisches Material zum Thema.

Wie fanden Texter und Zeichner zueinander?

Zum ersten Mal begegnete ich Hamed Eshrat 2016 auf dem Erlanger Comic Salon am Stand von avant. Hamed signierte mir sein Album „Venustransit“, ich erzählte ihm von der Idee einer Graphic Novel über die Erfurter Widerstandsgruppe. Wir verabredeten, eine Probe-Doppelseite zu texten und zu zeichnen. Das Ergebnis war vielversprechend. Hamed Eshrat kam dann nach Erfurt und lernte Karl Metzner kennen, der ihm von seiner Zeit als politischer Häftling erzählte. Für Hamed war das Thema sofort greifbar und persönlich wichtig, sein Vater litt unter politischer Repression im Iran. Wir beschlossen, das Projekt gemeinsam umzusetzen und Karl als Helden in den Mittelpunkt der Erzählung zu stellen. Karl Metzner, einziger Überlebender der Widerstandsgruppe, stellte sich als Interviewpartner zur Verfügung und gab dem Projekt, nach einiger Bedenkzeit, seinen Segen.

Die Story nahm Gestalt an, der Seitenumfang wuchs beständig. Im März 2017 stand das Szenario, im Mai das Storyboard. Hamed Eshrat arbeitete akribisch am Stil, der für die zeitlich zweigeteilte Geschichte besonderer ästhetischer Überlegungen bedurfte: Wie bunt darf das „Dritte Reich“ sein, wie grau die DDR? Auch der Umgang mit historischen Originalquellen bot Diskussionsstoff: Wie eng am Geschehen wollen wir erzählen, wie frei bewegen wir uns in der Story? Ende 2017 war Hamed Eshrat mit dem Reinzeichnen fertig, Anfang 2018 begann er mit dem Colorieren…

Die Story nahm Gestalt an, der Seitenumfang wuchs beständig. Im März 2017 stand das Szenario, im Mai das Storyboard. Hamed Eshrat arbeitete akribisch am Stil, der für die zeitlich zweigeteilte Geschichte besonderer ästhetischer Überlegungen bedurfte: Wie bunt darf das „Dritte Reich“ sein, wie grau die DDR? Auch der Umgang mit historischen Originalquellen bot Diskussionsstoff: Wie eng am Geschehen wollen wir erzählen, wie frei bewegen wir uns in der Story? Ende 2017 war Hamed Eshrat mit dem Reinzeichnen fertig, Anfang 2018 begann er mit dem Colorieren…

Beispiel für eine der benutzten schriftlichen Quellen:

Abschrift des Flugblattes der Widerstandsgruppe aus den Gerichtsakten 1943

Abschrift des Flugblattes der Widerstandsgruppe aus den Gerichtsakten 1943 / Sammlung Gedenkstätte Andreasstraße


Neue Ausstellung

”GEFANGEN UNTER HITLER – Politische Häftlinge im Erfurter Gefängnis 1933-1945”

Vergilbte Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen Gesichter, in denen sich große Gegensätze spiegeln:  Da ist die fröhliche Erna Bechstein, die als Zeugin Jehovas den Hitlergruß verweigert und deswegen ins Erfurter Gefängnis und in mehrere Konzentrationslager muss. Wie durch ein Wunder überlebt sie den NS-Terror, nach 1945 übersiedelt sie in die Bundesrepublik. Da ist der steif und förmlich wirkende Dr. Alfred Ruckert, NSDAP-Mitglied, Amts- und Gefängnisarzt, der sich für Krebsvorsorge einsetzt, aber auch Häftlinge zwangssterilisieren lässt und sich 1946 selbst vergiftet. Gleich daneben hängt das Porträt des Künstlers Fritz Rothenburg, Schauspieler am Erfurter Theater, der wegen § 175 einsitzt und die Gefängnisbibliothek betreut. Er versorgt jugendliche Widerständler mit guten Büchern und erleichtert ihnen damit die Zeit hinter Gittern. Im Sommer 1944 verliert sich seine Spur…

Diese und andere berührende Geschichten erzählt die neue Ausstellung „GEFANGEN UNTER HITLER. Politische Häftlinge im Erfurter Gefängnis 1933-1945“. Die wohl wichtigste Erkenntnis der Ausstellung: Auch scheinbar normale Haftanstalten waren im »Dritten Reich« Orte der Unterdrückung. Allein im Erfurter Gefängnis landeten Hunderte Frauen und Männer, nur weil sie dem Weltbild der Nazis nicht entsprachen. Porträtiert sind in der Ausstellung, die am 1. Dezember 2017 im Untergeschoss der Gedenkstätte Andreasstraße eröffnet wurde, neben ehemaligen Häftlingen erstmals auch Wachleute und Justizangestellte. Auf dem Fußboden zeigt ein Stadtplan ausgewählte Erfurter Unterdrückungsorte. Kuratiert haben die Ausstellung Jochen Voit und Stefan Hellmuth. Die Austellungsgestaltung lag in den Händen von Stephan Schöbinger und Bertil Brahm (KOCMOC.NET).