Leseproben

Auszüge aus aktuellen Publikationen



  
Jochen Voit: Capris Fischer unter Spaniens Himmel
Die Schallplattenfirma Lied der Zeit (LdZ) und der Soundtrack der Aufbau-Ära (1946-1953)



(...) Heute, zwei Jahrzehnte nach dem Untergang der DDR und ihrer staatlichen Schallplattenfirma und drei Jahrzehnte nach dem Tod des Firmengründers Ernst Busch (1900-1980), scheint es überfällig, den Mantel des Schweigens, den man im SED-Staat über die sieben nicht gerade glorreichen LdZ-Jahre gebreitet hatte, zu lüften. Was dabei zum Vorschein kommt, ist sowohl institutionen- als auch rezepientengeschichtlich bemerkenswert. Es zeigt sich, dass dem Busch-Betrieb, dieser skurilen Randerscheinung des deutschen Kulturbetriebs im 20. Jahrhundert, offenbar mehr Bedeutung zukommt, als bislang vermutet. Immerhin wurde bei LdZ während der Nachkriegszeit, als die Schallplattenindustrie in Deutschland am Boden lag, Pionierarbeit geleistet. Die kurze Unternehmenssgeschichte war von technischen Schwierigkeiten, moralisch fragwürdigen Geschäften, politischen Querelen, Intrigen und Finanzchaos geprägt. Aber auch von relativer musikalischer Vielfalt, stetig zunehmenden Produktionszahlen und vielgestaltiger Publikumsresonanz. LdZ lieferte den Soundtrack zur Aufbau-Ära in der SBZ/DDR. Schellacks mit Klängen zwischen Pop und Propaganda, zwischen Ideologie und Entertainment wurden zu akustischen Wegbegleitern einer ganzen Generation. Die Bandbreite der verabreichten Parolen, die heute im kulturellen Gedächtnis der Deutschen fest verankert sind, reichte von ”Ami, go home!” über ”Bella, bella, bella Marie, vergiß mich nie” bis hin zu ”Die Partei, die Partei, die hat immer recht!”. Bei LdZ erschienen aber nicht nur Schallplatten. Songs, die als politisch wertvoll erachtet wurden, gab man Schullehrern und FDJ-Chorleitern zusätzlich in Form von Partituren und Liederbüchern an die Hand. Daneben erschienen im angegliederten LdZ–Buchverlag Gedichtbände, Broschüren mit Kurzgeschichten und Romane sozialistischer Autoren. Die Printpublikationen rundeten das Profil des Unternehmens ab, dessen ehrgeiziges Ziel in der antifaschistisch-prosowjetischen Umerziehung der deutschen Bevölkerung bestand. Dass dieser Anspruch durch die selektiven Aneignungspraktiken des Publikums vielfach unterlaufen wurde, dürfte wenig überraschend sein.


Schwarzmarkt, Korruption und sexuelle Nötigung


Geboren wird die Firma am 12. August 1946. An diesem Tag erhält Ernst Busch von den Sowjets die Genehmigung zur Produktion von Grammofonplatten. Sie gilt für Aufnahmen von „Agitations-Massenliedern“, deren Inhalt mit der Propagandaverwaltung der Sowjetischen Militäradministration (SMA) abgesprochen werden soll. Busch hat viele solcher Lieder im Repertoire, die Lizenz ist ein Geschenk der Russen an ihren deutschen Lieblingssänger. Die Verehrung, die ihm von Kulturoffizieren der Besatzungsmacht, besonders von Alexander Dymschitz, der die Busch-Gesänge schon seit den 30er Jahren im Ohr hat, entgegengebracht wird, ist das eigentliche Kapital der Firma. Zumindest bis zur Abberufung seiner sowjetischen Freunde im Jahr 1949 wird Busch unternehmerische Narrenfreiheit genießen. Sein Unternehmen startet er mit Songs, die er größtenteils aus dem Spanischen Bürgerkrieg mitgebracht hat. Die Geschichte des künftigen Staatslabels beginnt unter anderem mit „Spaniens Himmel“, dem „Solidaritätslied“ und der „Ballade von der XI. Brigade“.

(...) Der Vorzug, eine komplett neue, gewissermaßen politisch unbefleckte Firma zu leiten, erweist sich als Handicap. Während im Westen der Neuaufbau der Deutschen Grammophon von denselben Mitarbeitern durchgeführt wird, die schon in der NS-Zeit die Betriebsführung innegehabt haben, muss Busch auf die Routine und das Know-how eines eingespielten Mitarbeiterstabs verzichten. Bei Busch gibt es kaum Nazis im Betrieb, aber seine Personalpolitik ist eher unglücklich: Die hausgemachten Skandale, die LdZ in den ersten Jahren erschüttern, reichen von schweren Korruptionsfällen (bei Wolffs Entlassung geht es um eine unterschlagene Summe von über 250.000 Mark) bis hin zu sexueller Nötigung (der Produktionsleiter der Abteilung Tanzmusik macht Mädchen mit dem Versprechen gefügig, sie als Sängerinnen „groß rauszubringen“). Im Zentrum der beiden genannten Vorfälle stehen pikanterweise SED-Mitglieder, im zweiten Fall sogar der 1. Parteisekretär der LdZ-Betriebsgruppe. Die Öffentlichkeit erfährt nichts von alldem, in der West-Presse ist nur ab und an von Rechtsstreitigkeiten zu lesen, in die LdZ verwickelt ist. Die entstehen unter anderem durch die Vorzugsbehandlung, die dem Busch-Betrieb von Seiten der SMA zuteil wird, was die faktische Enteignung der Konkurrenz, namentlich des Chefs der Tempo-Schallplattenfabrik Otto Stahmann jun., einschließt.


Amiga und Eterna


Die Sowjets lassen von Anfang an kaum Zweifel daran, dass sie beabsichtigen, LdZ zum alleinigen Schallplattenproduzenten im östlichen Teil Deutschlands zu machen - der Berliner Rundfunk und die Deutsche Zentralverwaltung für Volksbildung (DVV) werden angewiesen, das Vorhaben technisch und finanziell zu unterstützen. Ein Jahr nach Erteilung der Lizenz besitzt der Busch-Betrieb Monopolstatus. Die beiden übrigen Firmen, Tempo und Radiophon, werden liquidiert, Lizenzanträge von Mitbewerbern abgelehnt, verbliebene Produktionsstätten, Matrizen- und Schallplattenarchive beschlagnahmt und LdZ zur Verfügung gestellt. Im Frühjahr 1947 ist es soweit: Lied der Zeit produziert im sächsischen Ehrenfriedersdorf aus alten Tempo-Matrizen erste Platten mit Unterhaltungsmusik, parallel finden beim Rundfunk eigene Aufnahmen mit dem RBT-Orchester statt, die in der zweiten Hälfte des Jahres 1947 auf Schellacks herauskommen. Für diese ”Schallplatten heiteren und tänzerischen Genres” wird das Label Amiga eingeführt, ”ernste” Musik erscheint fortan unter der Bezeichnung Eterna.
Trotz der Starthilfen ist die finanzielle Situation der Firma prekär. (...)


Konsolidierung der Firma Lied der Zeit


Ende 1948 scheinen zumindest die gröbsten Schwierigkeiten überwunden zu sein. Im Herbst ist endlich der Startschuss für die Produktion im Babelsberger Werk gefallen, was in der Täglichen Rundschau als „kulturpolitisch wichtiges Ereignis“ gewürdigt worden ist. Die Zahl der 1947 produzierten LdZ-Platten von 290.000 Stück kann 1948 fast verdoppelt werden. Das LdZ-Tauschprinzip in den Geschäften hat sich eingespielt: neue Amiga-Platten werden im Laden nur gegen Abgabe von zwei alten Schellacks verkauft; das Altmaterial wird in Ehrenfriedersdorf gemahlen und wieder verwertet. Lied der Zeit ist aus dem ersten kleinen Vertriebsbüro (Unter den Linden 52) ausgezogen und hat frisch „enttrümmerte“ und renovierte Räume in der (ebenfalls in Berlin-Mitte gelegenen) Taubenstraße 4-6 bezogen. Dort hat sich Busch zuvor noch, sichtlich gut gelaunt, im Schutt auf einer alten Toilettenschüssel sitzend, fotografieren lassen. Freude macht ihm vor allem die Aussicht, bald eigene Aufnahmestudios zur Verfügung zu haben und nicht mehr von den Studios im Funkhaus abhängig zu sein. Bis es soweit ist, vergehen noch zwei Jahre, in denen sich LdZ weiter konsolidiert. Als Buschs Firma 1951 in den Geschäftsräumen in der Taubenstraße ihr fünfjähriges Bestehen feiert, schreibt sie schwarze Zahlen, hat rund 100 Mitarbeiter, stellt pro Jahr etwa eine Million Platten her, die auf knapp 500 Titel entfallen und hat mit Amiga eine beliebte Marke etabliert. Im Haus gibt es zwei modern ausgestattete Studios, das größere bietet 200 Sitzplätze für chorische und orchestrale Aufnahmen. Die Qualität der Produkte hat sich so weit verbessert, dass man glaubt, zumindest technisch den „besten Weltfabrikanten gleichgestellt“ zu sein. Freilich bleibt man von einer international konkurrenzfähigen Produktion weit entfernt. In einem internen Bericht aus dem Jahr 1951 erklärt LdZ, dass man kaum in der Lage sei, den Bedarf innerhalb der DDR und im „demokratischen Sektor von Berlin“ zu decken, Exportanfragen könnten überhaupt nicht berücksichtigt werden. An dieser Situation wird sich bis zum Ende der GmbH wenig ändern.


Kötzschenbroda-Express


Wie klang das ”Lied der Zeit”? Nach Tango, Foxtrott und Calypso. Nach Walzer, Agitprop und russischer Seele. Bei LdZ fand alles statt, was in der Luft lag, auch Swing und Jazz kamen auf die schwarzen Scheiben drauf, zumindest bis Anfang der 50er Jahre – dann begann die Verfemung solcher „Amerikanismen” als „dekadent” und „formalistisch”. In den LdZ-Songs ging es um Fernweh und Heimat, um Liebe und Solidarität, um Klassenkampf und Weltfrieden. Wobei die politischen Lieder, von Ausnahmen abgesehen, wenig Absatz fanden. Geld verdient wurde mit der „leichten Hand“, der „heiteren Muse“, wie man im Nachkriegsdeutschland, wenn man es gut meinte, zu allen möglichen Formen der frühen Popmusik sagte. Amiga-Platten waren das Zugpferd der Firma. Die Jugend wollte tanzen oder der Musik in geselliger Runde schwelgend lauschen. Schellacks hören war ein Gemeinschaftserlebnis, die wenigsten hatten ein eigenes Grammophon. Die Händler stellten sich rasch auf die Bedürfnisse der Kundschaft ein. Im Mai 1947 schrieb der Chef einer Elektro-Radio-Großhandlung aus Leipzig an Lied der Zeit: „Das derzeitige Programm wird im allgemeinen als gut und gängig bezeichnet, jedoch erscheint eine Erweiterung ratsam. Es werden insbesondere modernste Schlager verlangt und ich hoffe, daß Sie hier recht bald zu greifbaren Resultaten kommen.”
Auf der Leipziger Herbstmesse konnten sich die Händler alljährlich über die wachsende LdZ-Produktpalette informieren. Der Firmenstand, das kann man heute noch auf Fotos aus den Jahren 1948/49 sehen, war mit einer schwungvoll gestalteten Hörkabine ausgestattet; dahinter, dreiteilig dekoriert, Abbildungen von Künstlern aus allen Sparten: links die Präsentation der Eterna-”Meisterklänge” von Bach bis zum Alexandrow-Ensemble mit seinem Wunder-Tenor Nikitin, in der Mitte die Lied der Zeit-Interpreten Kate Kühl und Ernst Busch, sie standen für Volkslieder, Kampflieder und Chansons. Und rechts „Tanzmusik – wie wir sie lieben“: Zu den ersten Amiga-Publikumslieblingen zählten der Trompeter Rex Stewart („zum ersten Mal auf deutschen Schallplatten“) mit seiner Band und ”deutschen Jazzmusikern“, Erwin Lehn mit seinen Rhythmikern, das Helmut Zacharias-Quartett, Kurt Henkels und die Amiga-Star-Band. Gesangsolisten waren Rita Paul, Bully Buhlahn, Peter Rebhuhn, Gloria Astor und, nicht zu vergessen, Kurt Reimann, der den größten Hit der Nachkriegszeit singen durfte, die ”Capri-Fischer”.
Die ab 1948 zunehmend professioneller wirkenden Werbemaßnahmen der Firma (neues Logo, Zeitungsannoncen, Bereitstellung von Autogrammkarten der Solisten) drückten ein Selbstbewusstsein aus, das auch daher kam, dass man mittlerweile die alten Matrizen aus den Beständen der Firma Tempo nicht mehr benötigte. Hatte man bei Übernahmen älterer Aufnahmen die Namen der Interpreten oft einfach unterschlagen und stattdessen „Amiga-Salon-“ oder „Amiga-Tanz-Orchester“ angegeben, so setzte man nun komplett auf eigene Aufnahmen. Mit den Namen der Interpreten wurde ausdrücklich geworben (etwa: Walter Dobschinski mit der Swing Band vom Radio Berlin). Wobei sich Hits wie „Der Theodor im Fußballtor“ oder „Chattanooga Choo Choo“ auch ohne Werbung verkauften. Der „Chattanooga Choo Choo“, in einer Version des RBT-Orchesters unter Leitung von Horst Kudritzki, gehörte zu den Amiga-Kuriositäten der ersten Jahre. Zwischen den beiden Sängern, Peter Rebhuhn und Bully Buhlan, entspinnt sich am Ende der Aufnahme folgender Dialog: „Du Peter?!“ – „Ja, was denn, Bully?“ - Dreh' doch mal die Platte rum!“ – „Sei doch nicht so faul, mach's doch alleine!“ Wer sich die Mühe machte, die Platte umzudrehen, bekam eine in Deutsch gesungene Parodie des Glenn-Miller-Titels zu hören, den „Kötzschenbroda-Express“, der bis heute unter Plattensammlern Kultstatus genießt.


Bully Buhlan contra Ernst Busch


Der Ausbau der Unterhaltungssparte bei LdZ (1948 betrug der Anteil der Platten mit Tanzmusik über 90% der Gesamtproduktion) wurde vom Handel postiv aufgenommen. Wenig glücklich war man über die von LdZ eingeführten Kopplungsgeschäfte. Plattenläden mussten beim Einkauf von Amiga-Platten eine bestimmte Menge anderer, gewissermaßen pädagogisch wertvoller Platten mitabnehmen. Damit sollte vor allem der Verkauf von Busch-Liedern angekurbelt werden. Darüber beschwerten sich einige Händler, die diese Kopplung an ihre Kunden weitergeben müssen. Die wiederum entwickelten ungewöhnliche Kaufstrategien, wie der Leipziger Grossist verriet: ”Was nun die Absatzmöglichkeiten der Busch-Platten betrifft, so ist das Publikum im allgemeinen diesen Platten gegenüber ablehnend. Mir berichten Händler, daß - da zunächst die Mitnahme von Busch-Platten verlangt wurde - das Publikum unmittelbar nach dem Kauf diese Platten zerbrach und als Altmaterial für weitere Amiga-Platten zurückgab. Dabei wird mir von Fachkreisen mein eigener Eindruck bestätigt, daß die Platten musikalisch und in der Wirkung hervorragend sind. Anscheinend sind es in der Hauptsache der Text rep. Titel, die auf Ablehnung stoßen.“ (...)


Propaganda- und Bildungsinstitut Lied der Zeit


Mit Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 beginnt die Bedeutung der Firma als Propaganda- und Bildungsinstitution deutlich zuzunehmen. Busch will gesellschaftliche Wirkung erzielen, den neuen Staat fördern und im Sinne der ”antifaschistisch-demokratischen Ordnung” politisch-musikalisch beschallen. Der Anteil ”fortschrittlicher Lieder” bei LdZ wird kontinuierlich erhöht. Der Firmenchef lässt vermehrt Platten an Betriebe und Behörden, an Politiker und Pädagogen senden und nimmt auch selbst an offiziellen Fest- und Kulturveranstaltungen teil. Mit seinem Besuch der „750-Jahrfeier des Mansfelder Kupferschiefer-Bergbaues“ im Jahr 1950 setzt er, wie man ihm schreibt, „ein schönes Zeichen der Verbundenheit der Kulturschaffenden der Deutschen Demokratischen Republik mit den werktätigen Menschen der Industriebetriebe“. Die Betriebsleitung dankt für die überreichten Schallplatten: „Sie setzen uns mit diesem Geschenk in die Lage, ganz besonders unseren Bergleuten, denen es nur selten vergönnt ist, die Kunstwerke grosser Meister von berufenen Künstlern dargeboten zu erhalten, Freude und Entspannung zu bringen.“ Umgekehrt fungieren die Firma Lied der Zeit und ihr Chef als Anlaufstation für dichtende Eisenbahner, komponierende Lehrer, feierfreudige Betriebssportler und singende Studentinnen. Wohl in Unkenntnis der wirtschaftlichen Zwänge, denen LdZ unterliegt, melden sich DDR-Bürger und -Organisationen mit diversen Anliegen. Von unverlangten Einsendungen neuer „Massenlieder“ und sozialistischer Märsche, über den Wunsch, Busch möge eine Vereinsfeier mit seinen Liedern veredeln, bis hin zur Bitte der Volkspolizei, Gesangsaufnahmen bei LdZ machen zu dürfen – die Bandbreite der brieflich vorgetragenen Bedürfnisse ist groß. Der Zentralvorstand der Industriegewerkschaft Eisenbahn beispielsweise hat ein ”Eisenbahner-Aktivistenlied” schreiben lassen, das, so wird mitgeteilt, demnächst von den „Leipziger Lerchen“ im dortigen Sender eingesungen und auf Band aufgenommen werde. LdZ könne es dann auf Schallplatte veröffentlichen. Man erkläre sich zur Abnahme von 50 bis 100 Stück bereit und empfehle, die B-Seite sinnvollerweise mit einem sowjetischen Eisenbahnerlied zu versehen.


Schellacks im Dienst der Sowjetisierung


Statt sowjetischer Eisenbahnerlieder produziert LdZ lieber Lobgesänge auf die Rote Armee und Hymnen auf Stalin. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der Busch einen Russisch-Sprachlehrgang ins LdZ-Programm nimmt (mit drei Minuten Sprechzeit pro Seite), singt und veröffentlicht er Lieder wie „Dank Euch, ihr Sowjetsoldaten” und „Stalin, Freund, Genosse”. Seine Firma steht im Dienst der Sowjetisierung. Als im Dezember 1949 der 70. Geburtstag des sowjetischen Führers begangen wird (der in Wahrheit der 71. ist), leistet der Busch-Betrieb seinen Beitrag zur Propagandakampagne, die synchron in der UdSSR und den von ihr dominierten Staaten durchgeführt wird. Nach dem aufwändig gestalteten LdZ-Album zum Goethejahr 1949, „Lieder um Goethe“, das kuz zuvor erschienen ist, nun also ”Lieder um Stalin”. In einer Stalin-Sondernummer der Friedenspost, der knapp drei Monate zuvor gegründeten Wochenzeitung der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, heißt es: „Ein Geburtstagsgeschenk besonderer Art – aus dem Geiste der Dichtung und Musik um Stalin geboren – hat der Verlag ‚Lied der Zeit’ mit viel Liebe vorbereitet und zum 70. Geburtstage des großen Freundes unseres Volkes herausgebracht: Ein Liederbuch in Großformat mit dem Doppeltitel ‚Lieder der UdSSR – Lieder um Stalin’. Dieses festliche Werk ist nicht nur ein Buch geblieben. Von den hier zusammengefaßten Liedern und Gesängen, Hymnen und Chören hat die Schallplatten-G.m.b.H. ‚Lied der Zeit’ zehn Schöpfungen ausgewählt, die sprachlich und musikalisch Meisterwerke der Volkskunst sind, und auf Platten aufgenommen.“ Selbstverständlich fehlt auch nicht Stalins Lieblingslied ”Suliko”, das, wie der sowjetische Führer, aus Georgien stammt. Die sentimentale Klage über die Suche nach dem Grab der Liebsten ist von Busch textlich bearbeitet und selbst eingesungen worden. Im Gespräch mit den Reportern der Friedenspost berichtet Busch von der Freude und Begeisterung, mit der nicht nur die ausgebildeten Sänger, sondern auch „die Arbeiter und Arbeiterinnen der Berliner Betriebe“ und „die Jungen und Mädel der Jugendgruppen“ an die Plattenaufnahmen herangegangen seien. „Wir fragen Ernst Busch nach seiner eigenen Mitwirkung und erfahren, daß er unter anderem oft eingesprungen ist, wenn einer seiner ‚großen’ Kollegen absagte. In seiner temperamentvollen Art macht uns der Künstler auf besondere Schönheiten der Lieder aufmerksam, die er ins Herz geschlossen hat. Er singt uns einzelne Stellen vor und rühmt die sprachliche Vollendung der deutschen Nachdichtungen [...].”

Die Stalinhymnen und die Lobgesänge auf die Sowjetsoldaten, die auf Eterna erscheinen, tragen weder zur Beliebtheit Buschs, noch der Besatzer bei. Die vom LdZ-Chef angesprochene Begeisterung der ”Jungen und Mädel” bei den Plattenaufnahmen mag aufrichtig gewesen sein. Aber freiwillig nachgesungen werden diese Lieder (mit Ausnahme von ”Suliko”) kaum. Durchaus zu hören ist gelegentlich das ”Lied von der Partei” (”Die Partei hat immer recht”) des deutsch-tschechischen Dichters (und Komponisten) Louis Fürnberg, das Busch 1950 aufnimmt. Dass der Ministerrat der DDR allerdings dieses Lied acht Jahre später, als Fürnberg stirbt, zu dessen ”Volksliedern” zählt, erscheint dann doch ein wenig übertrieben.


”Antritt des kulturellen Erbes”


Überhaupt ist viel kulturpolitisches Wunschdenken dabei, wenn über das LdZ-Repertoire geschrieben wird. Besonders wenn es um das (von Busch nicht ganz korrekt als ”drei zu eins” beschriebene) Verhältnis geht, das sich in den Verkaufszahlen hinsichtlich ”leichter” und ”ernster” Musik wiederspiegelt. Die Hoffnung ideologisch gefestigter Rezensenten, dass sicherlich bald ein Weg gefunden werde, „um auf Choo-Choo mitsamt der schmachtenden ‚Caprifischer’ verzichten zu können“, ist unrealistisch. Wie lebenswichtig die populäre Abteilung für LdZ ist, zeigt sich 1951 nach der Entlassung des Aufnahmeleiters Constantin Metaxas, der für Amiga zahlreiche Produktionen (”gewisse Hot-Platten”, wie ein Kritiker naserümpfend bemerkt) betreut hat. Umsatzeinbußen sind die Folge, zumal Metaxas in West-Berlin mit Regina ein eigenes Label gründet, mit seinen vertrauten Technikern und Musikern weiterarbeitet und damit in direkte Konkurrenz zu seinem alten Arbeitgeber tritt. Gleichzeitig bemüht man sich bei LdZ verstärkt, den von der SED propagierten ”Antritt des kulturellen Erbes” unter Beweis zu stellen. Klassik kommt bisher bei Lied der Zeit kaum vor, weil die Produktion solcher Aufnahmen sehr teuer ist und die Spieldauer einer Plattenseite bloß ein paar Minuten beträgt, da bringt man Symphonien nur mit großen Schwierigkeiten unter. Immerhin: Geboten werden Händelsche Concerti grossi, verschiedene Werke von Bach, darunter Toccata und Fuge in d-Moll, Sylvia Kind spielt das Italienische Konzert auf dem zweimanualigen Klaviercembalo, der junge Peter Schreier gibt sein Schallplattendebüt als Solist des Dresdener Kreuzchores, und Busch, Hans Dampf in allen Gassen, singt Beethoven. Im Jahr 1951 beträgt der Anteil klassischer Musik an der LdZ-Gesamtproduktion drei Prozent. Politische Musik macht sieben Prozent aus, Tanzmusik 78 Prozent. Der Rest ist Volksmusik, Musik aus der Sowjetunion und Sonstiges. Den Jazz hat man mittlerweile fast vollständig über Bord geworfen, schließlich hat sich der designierte Generalsekretär des ZK der SED, Walter Ulbricht, im Februar 1950 in einem Brief an Busch für die ”Ausschaltung der Herstellung von Platten mit anglo-amerikanischer Tanzmusik” ausgesprochen. Die Presse nimmt den Kurswechsel im Sommer 1951 beruhigt zur Kenntnis „Dominierten in der ersten Zeit bei den Tanzplatten noch englisch-amerikanische Titel, unterliefen gelegentlich die kreischenden Dissonanzen verjazzter Amerikanismen, so sind heute vorherrschend Tanzmusiken der Sowjetunion und der Volksdemokratien mit neuen und fortschrittlichen Liedtexten, die auch die deutschen Tanzorchester wohltätig zu beeinflussen imstande sind.“


Generation ”Ami, go home!”


Wieviel „wohltätigen” Einfluss hatte Lied der Zeit auf die ostdeutsche Jugend? Wurden diejenigen, die man heute zur DDR-Aufbaugeneration zählt, nicht eher durch den RIAS als durch die erzieherisch gedachten Erzeugnisse der Busch-Firma politisch-musikalisch sozialisiert? Der Historiker Ingo Materna (Jahrgang 1932) erinnert sich: „Natürlich hat sich ein großer Teil der jungen Leute die Schlagermusik auf AFN, also American Forces Network, angehört. Glenn Miller war sehr beliebt und uns allen ein Begriff. Deswegen war es von vornherein ein verlorenes Spiel, wenn man ‚Laurentia’ oder ‚Seht die roten Kremlmauern’ gegen Glenn Miller ausspielen wollte, aber genau das hat man in der DDR versucht. Man sprach von der ‚amerikanischen Unkultur’, und das bezog sich auf alle möglichen Dinge. Zum Beispiel gab es damals diese Schuhe mit Kreppsohlen, diesen Kautschuksohlen. Da hieß es dann: ‚Das sind Amilatschen, die trägt man nicht!’“ Der Antiamerikanismus der älteren Generation, der sich in einem starken Ungehagen nicht nur gegenüber „Amilatschen”, sondern auch gegenüber „Texashosen” und „Negermusik” zeigt, ist eine antimoderne Haltung, die sich den Jüngeren nicht vermitteln lässt. Der neue oder neu aufgewärmte Antiamerikanismus, den sich die Aufbaugeneration der DDR zulegt (wie teilweise auch ihr Pendant im Westen, die Skeptische Generation), ist pragmatischer und weniger rigoros. Man kann Jazz gut finden und gleichzeitig gegen den Korekrieg sein. Man kann Kaugummi mögen, aber den „US-Imperialismus” verurteilen. Nicht zufällig ist das eine der beiden Busch-Lieder, die es in dieser Zeit zu echter Popularität bringen, „Ami, go home!”. Der Song hat leichtes Spiel, fungiert er doch als emotionaler Verstärker bereits vorhandener Einstellungen. Sein Erfolg ist ironischerweise auch seiner „amerikanischen” Musik zu verdanken, die (dank eines mit dezenten Hot-Elementen angereicherten Arrangements auf einer der Einspielungen) geradezu swingend daherkommt. Was dann auch prompt von der
Staatlichen Kunstkommission (”Stakuko”) als „formalistisch” angeprangert wird. Das patriotische Lied, dessen Melodie der LdZ-Chef einem Song aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg entlehnt hat, der Originaltitel lautet „Tramp, Tramp, Tramp” („The Boys Are Marching”), wird 1951 während der 3. Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Berlin massenhaft verbreitet und avanciert zum Hit. Ingo Materna berichtet, dass er den Song heute noch im Ohr habe. Ob er Textpassagen auswendig kann? „Ja, sicher: ’Clay und Cloy aus USA sind für die Etappe da / Lasst die German boys verrecken in dem Sand’ hieß es in einer Strophe. Und der Refrain ging ’Go home, Ami! Ami, go home! / Spalte für den Frieden dein Atom!’ Diese Zeilen waren uns sehr geläufig, der Text passte in die Zeit.”
Das andere Lied von Busch, das zum Hit wird, scheint dagegen überhaupt nicht in die Zeit zu passen: „Spaniens Himmel” (eigentlich: „Die Thälmann-Kolonne”) ist ein Kriegslied aus dem Jahr 1937, das als Höhe- und Schlusspunkt den Heldentod propagiert. („Wir kämpfen und sterben für dich: Freiheit!”). Allein bis 1950 kommt es auf mehr als 20.000 Platten in Umlauf. „Die Thälmann-Kolonne“ wird in der DDR zum Evergreen. Zu einer Hymne, mit der, was Bekanntheit und Symbolkraft betrifft, nicht einmal die Nationalhymne konkurrieren kann. Und das, obwohl „Nie wieder!” die Losung der Zeit ist, womit nicht nur der Faschismus, sondern insbesondere der Krieg gemeint ist. Doch wenn es um den Spanischen Bürgerkrieg geht, macht gerade jener von Günter Gaus als „Minderheit mit Nachkriegsgesinnung” bezeichnete kritisch-engagierte Teil der Deutschen eine Ausnahme. Den Linken hilft das „Spanienlied” bei der Gewissenserleichterung, die Interbrigadisten der Thälmann-Kolonne werden als Retter der deutschen Ehre gesehen. Was Busch besingt, ist demnach nicht der Krieg, sondern der Kampf für eine „gerechte Sache”. Die jungen Schallplattenhörer sind außerdem fasziniert vom Abenteurertum und der Freischärlerromantik, die sie mit dem Lied verbinden. Es gibt da auch eine touristische Komponente. Man will schließlich ergriffen und mitgenommen werden. Am besten auf eine Reise zu Orten unter südlicher Sonne. ”Spaniens Himmel” verströmt, hierin den ”Capri-Fischern” ähnlich, den Reiz des Exotischen - ohne deswegen fremd zu klingen. Deutsche Wehmut in mediterranem Dekor.

Die zahlreichen anderen Versuche der Firma, politische „Schlager” auf den Markt zu bringen, sind weniger erfolgreich. SED-Mitglied Ernst Busch wird bis zu seinem Zerwürfnis mit der Partei 1952 auf eigensinnige Weise die wichtigsten Standpunkte der Genossen in dieser Phase des Kalten Krieges mit sängerischen Mitteln durchdeklinieren. Er singt gegen Bonn und Adenauer und die Wiederbewaffnung, gegen den Koreakrieg und die atomare Rüstung, gegen die USA und die Wall Street und für die deutsche Einheit unter sozialistischen Vorzeichen. Darüber hinaus tritt er mit Liedern aus Brecht-Stücken hervor (”Die Mutter”) und bringt die von Becher gedichteten und von Eisler komponierten „Neuen Deutschen Volkslieder” heraus. Auch sie gehören zum populärmusikalischen Universum der Generation ”Ami, go home!”, also derjenigen, die um 1950 in Ostdeutschland junge Erwachsene waren.
(...)





Der vollständige Aufsatz (mit Quellennachweisen) ist nachzulesen in dem Sammelband von Stefan Zahlmann (Hrsg.): Wie im Westen, nur anders. Medien in der DDR. Panama Verlag 2010, S. 343-366.




Ein Song aus dieser Ära zum Anhören:
”Ami, go home!” als mp3















Letztes Update 01.06.2017 | CopyrightŠ Jochen Voit 2005 | Seite drucken | Seite einem Freund senden

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